Liebster Award

Immer, wenn man glaubt es gäbe keine Stöckchen mehr, wird man mit einem beworfen. In dem Fall war es der sogenannte Liebster Award. Danke, Joël. Es hätte etwas sanfter sein dürfen. (Scherz.)

  1. Bis zur welchen Zahl schreibst du Zahlen aus?
    Ich habe mal gelernt, dass man Zahlen ab 12 in Ziffern schreibt, darunter generell in Worten. Und seitdem mache ich das so.
  2. Welche Erinnerung würdest du gerne immer wieder erleben können?
    Das ist eine ähnliche Frage wie die, welche Erinnerung ich für einen Patronus-Zauber verwenden würde. Angesichts der kompletten Leere in meinem Kopf, wann immer ich darüber nachdenken soll, wäre ich gegenüber jedem Dementor ziemlich aufgeschmissen.
  3. Wenn du ein Magazin oder eine Zeitschrift abonniert hast oder regelmäßig kaufst: Welche Seite schlägst du zuerst auf?
    Ich lese selten Zeitschriften oder Magazine. Wenn, dann schlage ich sie völlig unspektakulär auf: am Anfang. Und arbeite mich dann von vorne nach hinten durch. Ich bin da sehr altmodisch.
  4. Welches Getränk macht dich so richtig glücklich?
    Kaffee. Kaffee. Kaffee.
    Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich mich der erste Schluck Kaffee am Morgen macht. Ganz abgesehen davon, dass ich ihn brauche, um überhaupt zu wissen, wo oben und unten ist. Ich mag den Geschmack, die Konnotation, ich verbinde ihn mit Gemütlichkeit und Produktivität gleichermaßen. Ja, ich bin sehr emotional gegenüber Kaffee.
  5. Was hättest du als Superbösewicht_in in deinem riesigen Aquarium schwimmen?
    Genmanipulierte, im Dunkeln leuchtende Axolotl. Im Ernst, im Dunkeln sind die bestimmt mordsgruselig.
  6. Welches Lied hast du als letztes auf Repeat gehört?
    Beyoncé – Daddy Lessons
  7. Wie motivierst du dich selbst zum Schreiben?
    Zum freiwilligen Schreiben: offenkundig nicht sonderlich erfolgreich.
    [lässt tumbleweed durch das blog rollen]
    Zum „gezwungenen“ Schreiben: ich mag Deadlines.
    Deadlines sind super und reichen auch meistens als Ansporn.
  8. Was hat als letztes wirklich deinen Horizont erweitert?
    Ich zwinge mich manchmal, mich mit unangenehmen Dingen auseinanderzusetzen, bei denen ich das Bedürfnis habe, die Zeitung wegzulegen oder den Sender zu wechseln oder mich der Konfrontation zu entziehen. Zuletzt habe ich mich eingehend mit den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien beschäftigt und dabei parallel meinen Horizont hinsichtlich dessen erweitert, was gerade in Syrien passiert und was es für Europa bedeutet. Es ist bitter und entmutigend und notwendig. Wir müssen das mit dem Nationalismus und (Neo-)Imperialismus dringend abschaffen. Es hat sich für die Menschheit einfach nicht bewährt.
  9. Wofür würdest du auf die Straße gehen, auch wenn du die einzige Person auf der Demo wärst?
    Ich gehe ja nicht mal auf die Straße, wenn zigtausend andere Menschen dabei wären. (Weil da halt andere Menschen sind.) Ich bin mehr so der Typ für subversives Werfen von Wattebäuschen im Internet.
  10. Hast du eine Einschlafroutine?
    (Als Autistin eine Routinenfrage zu kriegen ist eine schöne Klischeeerfüllungsgelegenheit Das sind sehr viele e’s in einem Wort.)
    Zum Einschlafen selbst nicht. Das besteht meistens aus „liegen, atmen, hoffen“. Vor dem Schlafen an sich aber schon. Wenn mich nicht irgendwas durcheinanderbringt, ziehe ich mich um, putze mir die Zähne, restauriere mein Gesicht, bürste, flechte und öle meine Haare, bereite die Kaffeemaschine für den nächsten Morgen vor, während ich noch ein mal durchlüfte und flausche mich dann zu einer Serie oder einem Podcast unter die Decke.
  11. Wer soll die Comic-Adaptation deines Blogs zeichnen?
    Da gibt es aus vielen Gründen nur eine Kandidatin, die das wirklich gut machen würde und das ist Frau Mumpitz. Es wäre allerdings auch ein sehr schnell fertigzustellender Job.

Ich nominiere drei weitere Menschen, um die vermutlich unkreativsten Fragen des bisherigen Projekts zu beantworten: Hendryk, Robo und Ana.

1. Warst du im Schulsport immer Teamcaptain, Mittelschicht oder Die Letzte Wahl?™
2. An welchem Besitz aus deiner Kindheit hängst du noch heute?
3. Wartest du auch immer noch auf deinen Brief aus Hogwarts?
4. Du bist mit Putin und seinem Bären in einem Raum eingesperrt und darfst macgyverartig nur ein Kondom, eine Regenbogenfahne und einen Kugelschreiber benutzen, um dich zu verteidigen. Erzähl mir deinen Masterplan.
5. Sieht dein Leben gerade so aus, wie du es dir vor 10 Jahren vorgestellt hast?
6. Wenn nicht, was ist der Unterschied?
7. Wenn ja, bist du glücklich damit?
8. Mogelst du auch manchmal bei Fragebögen?
9. Hast du ein unpopuläres/unbekanntes Hobby?
10. Was hat deinen Blutdruck zuletzt hochgetrieben?
11. Welche Frage wolltest du schon immer mal beantworten?

Zwischenschritt.

Sie sitzt mir am Küchentisch gegenüber.
Die Haare in einem perfekt-unperfekten Knoten, die gebräunten Arme im perfekt-unperfekten Kontrast zum Rosenholzton ihres Oberteils. Vor ihr auf dem Teller liegt das Stück Kuchen, das ich anbot, selbstgebacken, nur angebrochen. Sie hat schon gegessen. Natürlich hat schon gegessen. Ihre Hände mit dem lässigen, nicht zu aufdringlichen Nagellackton passend zum Oberteil schweben durch die Luft, während sie mir von den ersten stressigen Tagen des Studiums erzählt, dem sich stressige Tage im neuen Job anschließen, während ihr Handy, weniger vergessen als der Kuchenteller, obwohl weiter weg, gelegentlich vibriert und neue Nachrichten anzeigt.

„Das ist nur dieser Typ, den ich neulich kennengelernt habe. Vor drei Wochen oder so.“
Sie lächelt unverbindlich. Eine dünne Strähne rutscht aus dem Dutt, sie wischt sie nonchalant weg.

Ich nicke, kauend, und sage nichts.
Keine Anzahl von Kuchenstücken würde es schaffen, all das Schweigen, das ich bräuchte, zu gewährleisten. Um zu verstehen, wie zufällig und nebensächlich sie diese Dinge ineinander verschränkt und aufeinander abstimmt wie die Wahl ihres Schmucks zur Wahl ihres Nagellacks zur Wahl ihrer Attitüde. Seit ich sie kenne wirkt alles an ihr stets wie idyllisch hingeworfen, nie zu viel, nie zu wenig. Ich denke kurz daran, wie viel Kraft ich heute schon verbraucht habe, um das Haus zu verlassen, um die Sahne zum Kuchen zu kaufen, die ich jetzt alleine esse. Denke kurz daran, dass mein Medikamentendöschen seit kurzem in Tablettenform gepresste Hoffnung auf Lebensfreude enthält. Zu den bereits verzehrten Stücken des Bananenbackwerks gesellt sich eine Schwere in meinem Magen.

„Und jedenfalls weiß ich gar nicht, wie ich das alles schaffen soll, aber das wird schon.
Wie sieht es jetzt bei dir aus? Mit dem Studium und allem?“

Ich kaue langsam zu Ende, schlucke, forme mein Gesicht zu dem, wovon ich schon in der letzten Stunde an den richtigen Stellen gehofft hatte, dass es wie ein Lächeln wirkt.

„Ach, ich bin okay.“

 

 

 

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Vom Warten.

Stellen wir es gleich mal voran: Im Moment habe ich sehr viel Zeit. Allein der Umstand, dass ich einen Blogpost schreibe, unterstreicht die Situation, aber auch allgemein habe ich wohl gerade das, was man einen Freizeitkoller nennt.

Da hilft auch nicht, dass ich seitens des Jobcenters zumindest in kleinem Rahmen gezwungen bin, mich zu bewerben; die Jobsuche läuft nach dem Prinzip „80% der Ausschreibungen fallen für mich von vornherein aus dem Raster, weil ich weder schichtarbeitskompatibel, noch mobil im Sinne eines Führerscheins, noch sonderlich menschenkontaktfreudig bin“. Was übrig bleibt, ist eher mau. Jobsuche ist Lückenfüllen bis zum Studienbeginn, für den ich mich noch nicht bewerben kann. Vom Studienbeginn hängt ab, auf welche Stipendien ich mich bewerbe. In den letzten Wochen bin ich also eigentlich im Wesentlichen damit beschäftigt, diverse Level durch Warten freizuschalten.
Es fühlt sich nicht an, als würde ich dadurch Erfahrungspunkte gewinnen.
Wenn überhaupt treibt es mich ganz dezent die Wände hoch.

Der optimistisch gestimmte Mensch sagt jetzt gerne, „das ist doch toll! Ich wünschte ich hätte so viel Zeit! Ich würde lesen und Serien gucken und eine neue Sprache lernen und Delfinbabies adoptieren und Geflüchteten helfen und mit Locherkonfetti Street Art gegen die AfD gestalten!“ Ich kann ziemlich sicher sagen, dass man irgendwann auch den Stapel ungelesener Bücher nicht mehr sehen kann, keine Serie mehr reizt, weil man sie nicht in einer Klausurenphase zwischen der ersten und dritten Selbstwertkrise bingewatched und für Konfettiaktivismus fehlt mir, glaube ich, eine natürliche Veranlagung. Gut, ich habe angefangen eine neue Sprache zu lernen, sogar eine, die ich schon lange lernen wollte: ich bin ein Selbstversuch darin, wie weit man macgyverartig mit Duolingo, Wörterbüchern, Google Translate und wilder Entschlossenheit Polnisch lernen kann. Bisher gar nicht schlecht, dobrzedziękicześć. Mit ein bisschen Glück habe ich nicht in drei Wochen wieder den Spaß daran verloren.

Ich habe alle Oberflächen, Regale, Schrankfächer und Ordner  in meiner Wohnung mindestens einmal grob aussortiert, saubergemacht, umgeräumt, sämtliche Wäsche gewaschen, kurz erwogen die Fenster mal gründlich zu putzen und das als letzte Bastion des kompletten Wahnsinns erachtet, die ich mir noch bewahren möchte. Ich habe die sozialen Trümmer meiner Abiturphase weitestgehend wieder zusammengesetzt, jeden Tag mindestens ein mal geprüft, ob denn nicht bald irgendwo die Bewerbungen zum Wintersemester…(immer noch nicht, verdammt); zwischendurch überlegt, nicht doch was ganz anderes zu studieren, festgestellt, dass Geschichte doch eine gute Option ist. Ich habe Ehrenämter gegoogelt und wieder verworfen und mir dabei die ganze Zeit zynisch vorgehalten, dass ich mir in einem halben Jahr als dauerüberfordertes Erstsemester noch wünschen werde, ich hätte mich mal entspannt™ in diesen Wochen und Monaten und dass ich offenbar nicht einfach konstant zu überfordert bin, um mich irgendwo real und körperlich zu engagieren, sondern schlichtweg zu faul.

Ich habe mein Abitur jetzt ziemlich exakt drei Monate und 19 Tage.
Mir ist nie in den Sinn gekommen, das Nichtstun bewusst zu zelebrieren, statt mir dauernd Gedanken zu machen, wie ich jetzt produktiv sein könnte, Erfahrungen sammeln, Dinge lernen könnte, etcetera pehpeh.

Ich wüsste wirklich gerne, wie man sich zufriedenstellend langweilt.

 

 

3650 days and counting.

Und bevor ich auf den letzten Metern des Tages komplett versäume, es festzuhalten:
Heute haben das Blog und ich 10jähriges Jubiläum.

10 Jahre! Ich schreibe seit 10 Jahren Kram ins Internet!
Und Leute lesen das immer noch!
Krasse Sache.

Es ist einer der ganz wenigen frühen Texte, die nicht furchtbar peinlich sind, deswegen:
Hier ist mein allererster Blogpost als halbbluthobbit – damals noch auf myblog, das waren Zeiten – vom 9. März 2006. (Man beachte den dezenten Versuch, mich fünf Zentimeter größer zu machen als ich tatsächlich bin).

10 Jahre, das ist wunderschön und leicht verstörend zeitgleich.
Ich hab sofort Bock, 10 weitere dranzuhängen.

 

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Recap 2016 – S1E2

Februar, ja?
Der anhaltende Montag unter den Monaten. Keiner weiß, ob es noch mal schneit oder nicht, von Frühlingswetter aber auch keine Spur. Stattdessen tagelanger Nieselregen, bis man die „gemütlichen Regennachmittage im Bett mit Serien und Heißgetränk“ an die Wand nageln möchte. Februar, das Eierschalenweiß, das ohne Weichspüler gewaschene Frotteehandtuch, die QVC-Blümchenhose, die Hotelduschgelprobe des Jahres.

Lasst uns einen Blick auf meine kümmerlichen Aktivitäten werfen.

Der zweite Anlauf, dieses Jahr in ein Theaterstück zu gehen (dieses Mal in Tschick  im Theater der Keller in Köln) endete ein bisschen wie die meisten meiner Crushes: der Anfang war großartig, alle hatten Spaß – dann stürzte der Hauptdarsteller, zog sich eine Platzwunde zu, die genäht werden musste und die Aufführung musste abgebrochen werden. Konsequenterweise schoben wir dann ein Alternativprogramm mit Cocktails ein (mein Tequila Sunrise zeichnete sich dadurch aus, dass er sehr Tequila und wenig Sunrise war) und sehen uns nächsten Monat eine Ersatzvorstellung an.

Ich habe viel an Decken und Wände gestarrt und sehr viele Entscheidungen getroffen und wieder verworfen. Wenn ich damit nicht beschäftigt war, habe ich Downton Abbey geguckt. Fast 4 Staffeln sind ein bisschen wenig, wenn man viel verdrängen möchte. Ich nehme Empfehlungen entgegen, womit ich meine Realitätsflucht effizient weiterführen kann. Ich versuche herauszufinden, wo der schmale Grat zwischen „beschäftigt genug“ und „zu gestresst“ verläuft, wenn es ihn denn für mich gibt, bevor ich mein Studium anfangen kann. Im Rahmen dessen hatte ich zwei Einladungen zu Vostellungsgeprächen, die beide erfolglos waren. Bewerbungscounter bisher: 21.

Nach fast fünf Jahren in dieser Wohnung habe ich mir den Luxus eines neuen Betts gegönnt und kann jetzt, wenn ich denn möchte, meine 150 cm komprimierten Charmes auf bis zu fantastischen 180×200 cm ausstrecken. Dann besteht der Raum zwar zu weiten Teilen aus Liegefläche, aber niemand hat behauptet, dass das etwas schlechtes ist.

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Unter anderem in diesem Bett habe ich sieben (?!?) Bücher gelesen und ein Hörbuch beendet. Darüber lasse ich mich im Detail meistens auf Goodreads aus. Joyo Moyes, wenn du das liest: [tw] sexualisierte Gewalt ist kein gutes story device, war es nie und wird es nie sein. Danke. [/tw]. Mein aktueller Lieblingssatz stammt aus „Nicht normal, aber das richtig gut“ – „Wer sich alles bildlich vorstellt, sieht viel Elend.“. Ich weiß allerdings noch nicht, ob ich eine ausführliche Rezension schreiben kann, obwohl mir das Buch so gut gefallen hat.

Wie im Text zum Januar erwähnt habe ich EDITION F etwas zu meiner ADS-Diagnose erzählen dürfen – hier kann man es nachlesen sowie unter dem Hashtag #FrauenmitADHS.

Im Großen und Ganzen stehe ich der Welt aktuell etwas ratlos und hilflos gegenüber. Meine Freiheit, meine Freizeit und meine Privilegien ermöglichen mir (und sollten mich zwingen), sie sinnvoll einzusetzen. Es wäre angebracht, herauszufinden, wo die Grenzen zwischen meiner eigenen Bequemlichkeit verlaufen und dem, was ich tatsächlich nicht schaffen kann – und den Bereich dazwischen zu benutzen, um etwas zu tun.
Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich diese Dinge auch so einsetzen kann wie ich möchte; im Moment hadere ich mit allem und jedem, was mir unterkommt.

Februar, du ätzender Abklatsch eines Monats, da hat der eine Tag mehr auch nichts gerissen. Für den März überlege ich mir knallharte Verhandlungsbedingungen und dann schauen wir mal, wer hier die Existenzkrise hat.

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Recap 2016 – S1E1

Am Ende eines Jahres weiß ich immer nicht so recht, wie ich den Rückblick ausfüllen soll – ich scheine mich an nicht mehr als die letzten drei Monate und eine Handvoll relevanter Ereignisse zu erinnern und bin dann mit der Zusammenfassung relativ schnell am Ende.
2015 in drei Worten entspräche etwa „Stress, Stress, Abitur“. Das erschien mir ein bisschen karg für den üblichen, umfassenden Rückblick. Und um meiner Aufmerksamkeitsspanne gerecht zu werden… oh ein Eichhörnchen! – versuche ich es dieses Jahr einfach am Ende eines jeden Monats.

Im Januar habe ich drei Bücher gelesen und drei Hörbücher gehört, was schon recht beachtlich ist, weil es beinahe genau so viel ist, wie ich sonst zu Schulzeiten in einem halben Jahr geschafft habe. Ich stecke gerade irgendwo in der dritten Staffel Buffy (und bedauere es zutiefst, dass ich definitiv nicht alt genug war, das zu gucken, als es ausgestrahlt wurde. As Willow goes, so goes my nation.) Außerdem serientechnisch für nett befunden: The Last Kingdom. Bestimmt nicht der Anwärter für den Preis auf historische Genauigkeit, aber gemessen an den Büchern definitiv eine gutes Eindampfen der Geschichte.

Dann hat man mich ins Theater geschleppt.

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Und Katastrophentourismus war es. Und nicht im mindesten unterhaltsam. Mehr so von der Kategorie „wenn man mir diese zwei Stunden lang permanent Ohrfeigen versetzt hätte, wäre es auf einer fragwürdigen Ebene wenigstens interessant gewesen“.

(Status der Welt: #allebekloppt)

Ich habe zum ersten Mal seit Jahren ein Jobcenter von innen gesehen und war doch überrascht, wie tief so eine Traumatisierung durch ein Staatssystem sitzen kann – die Situation ist mitnichten vergleichbar, ob man dort ist, weil man ein Dreivierteljahr überbrücken möchte, bis das Studium beginnt oder weil man (so wie 2011!Ninette) verzweifelt auf der Suche nach einer „Gelegenheit“ ist, sich von Lohnarbeit durchkauen und wieder ausspucken zu lassen. Darüber, wie viel netter Menschen dort zu einem sind, wenn man ein bisschen älter und ein bisschen besser ausgebildet ist, müsste man auch mal reden. Zumindest für eine Weile ist mein Leben jetzt wieder gesichert – bis ich irgendwann im Oktober erneut Bafög beziehe und an jedem Monatsende REGELSTUDIENZEIT mit Ketchup auf meinen Spiegel schreibe.

Bis dahin schreibe ich Bewerbungen. Viele, viele Bewerbungen.

Was ich allerdings auch geschrieben habe: einen Artikel für das Zine, dass Fee aka funkyqueers zusammenstellt und das über das Abbrechen der Schule vor dem Abitur erzählt. Und weil es wenige Dinge gibt, von denen ich so viel Ahnung habe, habe ich meine eingerosteten schreiberischen Fähigkeiten noch mal hochgeholt.

Weiterhin: EDITION F sucht Frauen*, die mit einem ADS oder ADHS (spät-)diagnostiziert wurden. Und da ich auch davon Ahnung habe, habe ich mich auf ihren Aufruf gemeldet und darf ein bisschen erzählen; ich bin gespannt auf das Ergebnis.

Januar ist immer dieser Monat, in dem alles besser wird und alles schön ist. Wie am Anfang einer Beziehung. Bis das Jahr irgendwann die Zahnpastatube offen liegen lässt und man froh ist, wenn ein neues anfängt.

10 nutzlose Talente

Entliehen von Frau Gminggmang.

  1. Ich kann mir schriftliche Aussagen jedweder Form unheimlich lange merken, vorzugsweise von Menschen, die ich gerne habe. Unheimlich vor allem, weil es diese Menschen in der Regel milde amüsiert bis nachhaltig verstört, wenn ich plötzlich Zitate aus einer Unterhaltung von 2009 einbaue. Mündliches hingegen ist Sekunden später meist so gut wie verloren.
  2. Mit geschlossenen Augen/im Dunkeln stoße ich mich seltener in meiner Wohnung als wenn ich sehen kann, wo ich hinlaufe.
  3. Ich höre die kleinsten Geräusche in vertrauter Umgebung. Der Wasserhahn in der Nachbarwohnung tropft? Der Kühlschrank macht ein unbekanntes Summgeräusch? Auditiv-Supergirl hört es und muss vermutlich mit Gehörschutz schlafen.
  4. Ich kann keine Noten lesen, bezahlte man mich dafür, aber phonetisch problemlos alle Töne und Tonfolgen abnehmen und behalten. (Nur hilfreich, wenn man noch in einem Chor sänge, was man nicht tut.)
  5. Mit atemberaubender Sicherheit und unter Zuhilfenahme von name dropping und Attitüde so zu tun, als hätte ich von jedem beliebigen Umstand unglaublich viel Ahnung (oder auch: sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit) hat mich in nicht zu verachtendem Ausmaß sicher durch die Schulzeit gebracht.
  6. Menschen zum Lachen bringen. In größeren Gruppen ist damit dann zumindest für eine Weile sichergestellt, dass man mir meine darüber hinausgehende soziale Inkompetenz nicht anmerkt.
  7. Irgendwie leidlich aus „was auch immer gerade da ist“ ein Abendessen machen ist bei näherer Betrachtung vielleicht doch kein nutzloses Talent.
  8. Ob Amtstermin oder Arzttermin, man kann sich sicher sein, dass ich alle Rechtshilfebelehrungen, Artikelnummern, medizinisches Fachvokabular samt ICD10-Codes für mein Anliegen parat habe, aber keine simple Antwort auf die simple Frage, worum es geht.
  9. Schriftliche Widersprüche perfekt ausarbeiten, um dann zu vergessen, die zur Rechtsgültigkeit notwendige Unterschrift unter das Dokument zu setzen. Und dann natürlich abschicken, ohne es vorher zu bemerken.
  10. Eine Liste nutzloser Talente erstellen und auch noch zehn vollbekommen.
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Wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus.

Ich stehe in der offenen Balkontür und halte mir die Ohren zu.

Seit einer Stunde prasselt es unnachgiebig vom Himmel auf den Asphalt der Hauptstraße vor meinem Haus. In schneller Abfolge brettern Autos und andere motorisierte Gefährte vorbei, panische kleine Glühwürmchen im kleinstädtischen Feierabendverkehr. Für mich ist es eigentlich zu laut, um hier zu wohnen – mit geschlossenen Fenstern hört man noch immer den Verkehrslärm, der auch spät nachts nur auf ein Mindestmaß abnimmt. Für mich, die alles hört wenn sie sich lässt – das Quietschen der Tür in der Wohnung über mir, das Rauschen der Wasserspülung in der Wohnung nebenan, – also für die, die manchmal nachts mit Ohropax im Bett liegt, weil der Kühlschrank zu laut surrt, für mich wird die Kakophonie aus Autoreifen auf nasser Straße zu einem Feuerwerk, dem ich mich nur mit zugehaltenen Ohren kurzfristig aussetzen kann.

Aber da ist der Regen. Der in seinem Sturzbach gerade so an meiner Balkonbrüstung Halt macht. Regen und ich sind ziemlich gute Freunde. Für mich, die an schlechten Tagen die Sonnenbrille nicht mal im gedämpften Supermarktlicht abnimmt und von Neonröhren in Naturwissenschafts-Klassenräumen gar nicht anfangen mag, für mich ist Regen wunderbar, denn er kommt zumeist mit düstrem Himmel und gleichmäßigem grauen Filter über der Welt. Er versöhnt mich ein bisschen mit den restlichen Tagen im Jahr, deren Beschaffenheit eine Aufmerksamkeit erfordert, die ich nicht immer habe.

Er macht mich ganz weich und anschmiegsam innerlich, verleiht der Musik, die ich höre, eine besondere Wahrheit. An schlechten Tagen bietet er mir einen Grund, das Haus nicht verlassen zu müssen, den jeder Mensch versteht. An guten Tagen hält er, wenn ich mit Musik und warmen Schuhen draußen sein möchte, die Menschen von mir fern.

Ich stehe in der offenen Balkontür und halte mir die Ohren zu und es geht mir gut dabei.

Wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus.

Nach dem Abitur.

Das schlechte Gewissen, weil ich so gerne anpacken würde, mitmachen, helfen, spenden, in Suppenküchen oder Kleiderkammern, aber die Kraft reicht nur für eines.

…nach dem Abitur.

Das Bedürfnis, endlich das blöde Tattoo, das schon seit Monaten feststeht und für das mit ach und krach sogar Geld da wäre, stechen zu lassen, das eigentlich gerade sogar noch wichtiger wäre als irgendwann sonst.

… nach dem Abitur.

Rausgehen. Weggehen. Urlaub machen. Freundesmenschen sehen. Nächte mit Rotwein und UNO um die Ohren hauen. Oder mit Pizza und Serien.

… nach dem Abitur.

Die Frage, die mich umtreibt und auf Wartelisten hält, endlich klären zu können, oder zumindest voranzubringen.

… nach dem Abitur.

Bloggen, oder sowas ähnliches. Endlich den Podcast zur Welt bringen, mit dem ich seit einer gefühlten Ewigkeit schwanger gehe. (Gibt es statistische Erhebungen zur kreativen Trächtigkeitsdauer bei Hobbits?)

… nach dem Abitur.

Ich sitze nicht Tag für Tag am Schreibtisch. Zumindest nicht dafür. Ich bestehe zu 74% aus Sorgen und zu 26% aus Ehrgeiz. Rechne die Punkte durch und durch und kalkuliere mit den mündlichen Noten, die ich nur erahnen kann, weil mein Leben öfter mal eine Runde von Overload Hasch Mich ist, bei der mich niemand gefragt hat ob ich mitspielen möchte. Mein Abitur ist in seiner Endphase weniger ein Produkt meiner herausragenden akademischen Selbstdisziplin als mehr ein Langstreckenlauf, bei dem ich auf dem letzten Loch pfeife, aber you pass the Ziellinie or die trying. Alles für den Abschluss, alles für den Schnitt.

Wann ich lerne, aus den Kräften, die mir mitgegeben sind, das beste zu machen?

Nach dem Abitur.

Crowdfunding, der Kommunismus des Internets

Vor kurzem ging mal wieder ein Crowdfunding-Aufruf durch meine Timeline, an dem ich mich auch beteiligt habe. (Wer schon immer mal flauschige Shibaöhrchen streicheln wollte, hier ist eure Gelegenheit!) Wie bei allen Crowdfunding-Aktionen – zuletzt selbst erlebt im Rahmen meiner MacBook-Aktion vor etwa einem Jahr – sind gefühlt 90% der Reaktionen positiv und resultieren in einem kleineren oder größeren gespendeten Betrag. Circa 7 % ergehen sich in wertfreier Nichtbeachtung. Und die restlichen 3% werden nicht müde, sich darüber zu ergehen, wie schlimm es ist, dass das Internet wie eine Horde hirnbefreiter Lemminge sein hart erarbeitetes Geld aus dem Fenster wirft, um bettelnden Menschen unnütze Anschaffungen zu ermöglichen. (Was betteln ist und was eine unnütze Anschaffung liegt dabei natürlich stets im allumfassenden subjektiven Ermessen.) Was mich dazu bringt, mich nicht nur gedanklich zu fragen:
was genau ist euer Problem?, sondern noch weiter: was genau ist eigentlich das Problem?

„Das Internet ist voller Geld und Leute sind bereit, es auszugeben“, ist eine Kernaussage, die sich immer wieder selbst bestätigt. Offenbar ist die Lemmingquote unter den zahlreichen IndieGoGo/GoFundMe/KickStarter/Dingsbums-Nutzern dermaßen hoch, dass man ihnen alles vorsetzen kann, egal wie sinnlos, und sie drücken mit Schaum vor dem Mund und in unkontrollierter Begeisterung den „Spenden“-Button. Anders scheint es den 3% nicht zugänglich zu sein, dass Dinge, die ihnen so schrecklich irrelevant erscheinen, in sehr kurzer Zeit sehr hohe Summen erwirtschaften. Sind wir denn alle von Sinnen? Haben wir alle zu viel Geld? Ersteres, vielleicht. Zweiteres, tendenziell eher weniger.

Wir bezahlen uns gegenseitig unsere Laptops, unsere Zäune und manchmal retten wir Leuten sogar das Leben, in dem wir Krankenhausrechnungen mitbezahlen oder Menschen sichere Wohnverhältnissen verschaffen. Wir erweitern pontenziell den Horizont zahlreicher Leute, wenn Projekte wie das N#mmer-Magazin durch Crowdfunding verwirklicht werden. Hätte ich 1000 € im Monat, um Crowdfunding-Projekte zu unterstützen, würde ich sie einsetzen, um möglichst bald Essen in Muttis Futterstube genießen zu können oder zu helfen, eine Puppe auf den Markt zu bringen, die nicht Weiß und massenkonform ist.

Es fällt mir bei allen Bemühungen schwer, zu sehen, was daran verwerflich sein sollte.
Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass ich noch daran glaube, dass Menschen einander aus reiner Freude etwas Gutes tun. Der Aufwand ist gering – 5 € hier, 1 € da, -aber aus tausendfachem Aufwand werden am Ende 1000 Ideen, die die Welt bisher noch nicht gesehen hat. Oder sie hat sie gesehen und findet sie trotzdem knorke. Oder sie ermöglicht einer Schülerin mit nicht viel Geld, sich einen hochwertigen Laptop zu kaufen. Oder sie macht drei Hunde und drei Katzen das Leben ein bisschen schöner.
Niemand zwingt uns, Geld für Dinge zu spenden, deren Sinn wir nicht sehen.
Warum man sich darüber hinaus berufen fühlt, verbal auf die solidarischen Handlungen anderer Menschen zu spucken, möchte ich gar nicht erklärt bekommen.